Palastmusik. Einheit und Teilung im Stadtbild Berlins

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Die Symbole der Liebe sind vielfältig. Paare, Menschen, die sich umarmen, Eheringe, Ringe überhaupt. Die Ausstellung der Entwürfe für das geplante Einheits- und Freiheitsdenkmal der Deutschen auf dem Berliner Schlossplatz zeigte massenhaft Metaphern für ein sich in den Armen liegendes Volk. Ein Volk. Ein großes Wir. Sind wir das?

Viele Ostdeutsche besuchen die Ausstellung. Sie erwarten einiges von einem Denkmal der Einheit. Sie sehen sich selbst im Spiegel als friedliche Revolutionäre, blicken auf Kerzen und Bilder der Harmonie – zwei, die sich gefunden haben. Es sind die Ergebnisse eines offenen Wettbewerbs. Ein Jurymitglied nannte diese Ergebnisse „kompletten Schrott“. Es wird schwierig werden für dieses Denkmal, ausgerechnet auf dem Berliner Schlossplatz zu bestehen. An einem Ort, wo, wie es Wolfgang Kaschuba, Leiter des Instituts für Europäische Ethnologie, ausdrückt: „(…) ein deutliches Ausrufezeichen zum Ende der DDR gesetzt wird. Und (…) Das hat durchaus damit zu tun, dass der Wiederaufbau des Schlosses auch zum Grabmal des Sozialismus wird.“

Der Abriss des Palastes der DDR-Republik für ein neues Altes Schloss war ein deutliches Zeichen. Neben diesem neuen Schloss wird einst das Denkmal der Einheit auf dem Sockel des Nationaldenkmals Wilhelm des I. stehen. Auf diesem prestigeträchtigen Platz wird der Umgang Berlins mit seiner Geschichte, seinen Revolutionen und Narben verhandelt.

Narben 

Beim Spaziergang durch das Zentrum der neuen Hauptstadt, durch Berlins „Neue Mitte“, kann der Betrachter die Narben gut erkennen. Markant ist der Berliner Schlossplatz, an dem sich die architektonischen Zeugnisse und Überreste untergegangener Reiche ballen. Und auf dem zurzeit, wieder einmal, eine ausgedehnte Lücke klafft.

Berlin hat Wunden im Panorama. Zwischen Kronprinzenpalais, Dom und Alexanderplatz herrscht in der Mitte der Metropole gähnende Leere. Hier wird sichtbar um die Darstellung der Stadt gerungen. Systeme schreiben sich ein in die Oberfläche der Stadt und kämpfen um die Deutungshoheit. Wie auf altertümlichen Papyrus platziert jedes neue System seinen Beitrag auf diesem Platz in der repräsentativen Mitte der Hauptstadt und versucht dabei gleichzeitig den Beitrag des Vorgängers auszuradieren. Ein städtebauliches Palimpsest.

Ulbricht ließ das Schloss des Kaisers sprengen, trug aber den Balkon an sein neues Staatsratsgebäude der DDR nach nebenan – Spolien als Machtdemonstration. Dann, auferstanden aus Ruinen, gab es statt des Schlosses einen Palast der Republik. Am Ende war der Palast widerspenstiger als das Schloss, aber auch er nicht unbesiegbar.

Im Gerangel der horizontalen Schichten ist der Gewinner heute – die Archäologie. Sichtbar sind auf diesem Schlossplatz zurzeit: der Keller des Schlosses, darüber die weitläufige Wunde, die der Palast der Republik hinterlassen hat, eine temporäre Kunsthalle und daneben Utopien von morgen wie die Bauakademie. Und wenn das Geld für ein Gebäude nicht reicht, malt man den Schinkel auf eine Plastikplane – ein Akt der Simulation.

Der Stadtraum ist eine Collage, in der die Revolutionen noch erhalten sind, aber vielleicht nicht lesbar bleiben. Das vernarbte Berlin bietet momentan die Chance, die Diskurse der Geschichte zu entschlüsseln. Die politischen Konflikte um die Stadtoberfläche sind erlebbar.

Schichten und Geschichte

Es ist viel geschehen. Die Besonderheit Berlins – erst die Teilung, dann die Wiedervereinigung – ist wohl historisch einmalig.

Eine europäische Metropole wird halbiert. Auf dem Weg von der einen Stadt zu den zwei Städten entstand das Niemandsland dazwischen. In diesem Grenzstreifen wurden ganze Häuserzüge abgerissen, Kirchen gesprengt, Friedhöfe planiert. Das große Nichts. In diesem großen Nichts hatten es sich die Hasen wohnlich gemacht – und die Füchse. Mauerstreifen.

Die Stadt richtete sich ein in der Teilung, um sich dann nach 28 Jahren wieder zu vereinigen. Das Grenzland zwischen den ehemals zwei Städten wurde zur neuen Mitte der Stadt. Die eben noch tödliche Grenze und der Mauerstreifen waren kurz Vakuum, um dann ein pittoreskes Biotop, um dann die „Neue Mitte“, zu werden. Entlang dieser innerstädtischen Schneise mussten Ost und West vernäht werden. Die Brache wurde sofort gebraucht, die Pläne wurden gemacht, hastig wurden die Spuren des zusammengebrochenen Systems beseitigt. Inmitten des allgemeinen Chaos, der Aufbruchstimmung, der Euphorie und den ungeklärten Besitzverhältnissen entstand die größte Baustelle Europas.

Aus eins mach zwei, aus zwei mach eins.

Das neu entstandene Gebiet sollte zugleich das Symbol des neu entstandenen, wiedervereinigten Deutschlands werden. Es ist ein Ort gewaltiger Dichte, gebaut auf Schichten von Geschichte. Die exemplarischen Ereignisse, die historischen Schritte der jüngeren Geschichte, ereigneten sich oft in dieser Berliner Mitte, sie fanden hier ihre stärksten Symbole: die Barrikaden von 1848, das kaiserzeitliche Berlin mit seinem Stadtschloss, der Reichstagsbrand, Hitlers Tod im Führerbunker, Bombenfall, Mauerbau, Kalter Krieg und schließlich Maueröffnung – die „Wende“. Hier entstanden und kollabierten Systeme. Kaiserzeit, Nationalsozialismus, DDR und die Berliner Republik platzierten die Symbole ihrer Utopien an diesem Ort.

Es ist viel geschehen. Während in der Horizontalen die Machtkämpfe toben, ging es in der Vertikalen ein wenig gefühlvoller zu. Gleich der Arbeit eines feinfühligen Chirurgen wurden Ost und West vernäht. Mittlerweile sind die Narben gut verheilt. Kleine, feine Stiche sind noch am Boden zu sehen. Eine feine Linie aus Pflastersteinen und Messing zeigt den Verlauf der Berliner Mauer. Touristen suchen sie auf dem Boden, um zu wissen, ob sie sich in Ost- oder West-Berlin befinden.

Denkbar ist erst das Abwesende

Es ist heute schwer vorstellbar, dass an der Stelle, an der das große, monumentale Regierungsviertel glänzt, vor Kurzem – Nichts war. Der Pariser Platz in seiner historisch korrekten Anmutung und das Hotel Adlon sind nun mitten in der Stadt. Es ist ebenso schwer vorstellbar, dass im Juni 1988, Michael Jackson vor dem bröckelnden Reichstag auf der Westseite ein Konzert gab, während die Menschen auf der Ostseite, wenige hundert Meter entfernt, versuchten, die Musikfetzen, die der Wind in ihr Land rüber wehte, zu vernehmen. Es durfte nicht nach Menschenansammlung aussehen – ein Konzert im Spazierengehen, bei dem fast alle spürten, dass sich dieses eingemauerte System nicht mehr lange halten kann.

Vielleicht waren die Töne ein erster vertikaler Mauerdurchbruch: „Tear down this wall!“ In der Vertikalen stecken die Sentimentalitäten. Hier entspringt der Blick. In der Horizontalen entspringt die Macht. Lebte Brecht noch, so würde er den Schlossträumern wohl zurufen: „Glotzt nicht so romantisch!“ Brecht ging es immer um eine kritische Distanz zum Dargestellten. Das könnte heute passen – als Aufforderung an die Stadtplaner sich, mit Blick auf die Zukunft, zur Geschichte und ihren Narben zu bekennen. Die Fassade zu überdenken und die Form zeitgemäß zu füllen.

Die enormen Lücken im Stadtbild sind zugleich auch enorme Chancen. Noch toben die Machtkämpfe um diesen besonderen Ort im Herzen der Stadt. An der wiedergeöffneten Brache entzünden sich die Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit. Was wird die „Neue Mitte“ sein? Der Bau des Schlosses scheint entschieden. Und schon melden sich erste Stimmen, die ein dazugehöriges Stadtviertel mit mittelalterlichen Gassen als „historisches Zentrum“ fordern – die Rekonstruktion der Altstadt. Renaissance als utopischer Regress. Es scheint, als gäbe es unter all den Blicken, die die Realität streifen, noch einen anderen, älteren, quasi archäologischen und teils sentimentalen Blick auf diesen Ort. Das Abwesende ist in diesem Blick immer anwesend.

Konsequent wäre es, auf dem Schlossplatz als Denkmal der deutschen Einheit eine maßstabsgetreu verkleinerte Kopie vom des Palasts der Republik aufzustellen: der Palast als Bronzedenkmal, mit einer Inschrift versehen, die ein Besucher im Gästebuch der Ausstellung, in denen der die Entwürfe des Denkmalwettberwerbs präsentiert worden sind, hinterließ : „Ich konnte nicht bleiben.“

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Dieser Text wurde veröffentlicht im Essayband:
Parlamentarische Gesellschaft (Hg.): „Deutsche Einheit. Blick zurück – Blick nach vorn“, Metropol Verlag 2011