Deutschlandradio Kultur: »Das Geheimnis der Garage«

von: Gerd Brendel

»In Berlin-Pankow spürt ein Theaterfestival Männerfantasien nach

Abstellplatz, Montagekammer, Rückzugsort – die Garage ist ein Ort zahlreicher Verwendungen. Bei einem Festival in einer Garagenzeile im Norden der Hauptstadt suchen Performance-Künstler das Besondere der Garage.

Die Garage…

„…ist viel, banaler Alltagsort und gleichzeitig unheimlich“

Unheimlich, vor allem weil nicht alle rein dürfen, denn Garagen sind…

„gedacht als Rückzugsort für Männer, vom angeblich weiblich dominierten Haushalt“

Garagen – die letzten Refugien heterosexueller Männlichkeit, Fluchtorte vor Kolleginnenstress im Büro und Ehefrauen im Einfamilienhaus. Heim der Tüftler und Autoschrauber, legendäre Keimzellen von Weltkonzernen wie Hewlett-Packard und Apple oder später berühmter Garagenbands. Vielmehr als einfach nur überdachte Autostellplätze, sagt die Ethnologien Petra Beck von der Humboldt-Universität, die die Sitten und Gebräuche der Garagenbewohner untersucht.

„Garagenbewohner haben alle einen kleinen Schaden, die laufen nicht alle rund, sind irgendwie Kind geblieben. Hier sind Leute die sich trauen, ein bisschen verrückt zu sein“,

sagt einer von ihnen, Jörg Himmelsbach vom Gründer-Garagenhof in Berlin Pankow.

„Garagenhöfe sind kleine Universen für sich, die von außen relativ unscheinbar und geschlossen sind, und das sind auch eingeschworene Gemeinschaften.“

Große Gefühle auf der Garagenbühne

Die ab heute Gesellschaft bekommen von Franziska Werner, Chefin des Berliner Off-Theaters „Sophiensäle“. Im Garagenhof in Pankow hat sie ein Dutzend Garagen für ihr „Männer in Garagen“-Festival geöffnet. Professionelle Theaterschrauber haben ein dutzend Schuppen bezogen und schlagen eine Brücke von den Sehnsüchten der Garagenmänner zu Theaterträumen.

Der australische Künstler Grayson Millford zum Beispiel hat seine Garage seinem Vater gewidmet .

Mich hat das interessiert, weil mein Vater wirklich gerne in seine Garage gegangen ist. Und keiner von uns wusste was er da die ganze Zeit eigentlich treibt. Baut er da Sachen zusammen oder trinkt er einfach nur ein Bier und erholt sich?“

Wer das Tor zu Millwoods Garage aufschließt, steht in einem kleinen Wald. Eine winzige Hütte lädt zum Verweilen ein. Und wer will kann sich eine Anleitung zum Weinen über Kassettenrekorder anhören.

Um Gefühle, ganz große Gefühle geht es auch in der Garage nebenan. Hier spielt das Performance-Duo Markus und Markus den ganzen Ring mit Plastikfiguren in einer Papp-Mache-Landschaft nach und ein paar Garagentore weiter leidet eine singende Autokarosse in höchsten Tönen an der Liebe zu ihrem Kfz-Mechaniker.

„Im Alltag im großen gibt’s vielleicht nicht den Mut, sich diesen großen Themen zu widmen aber im Kleinen eher Privaten, halb privaten Raum der Garage passiert das dann doch.“

Nicht ohne Pinup-Girls

Eine fünf Quadratmeter-Miniaturwelt ist übersichtlicher als die große Welt da draußen. Kein Wunder, dass geniale Tüftler wie Steve Jobs in Garagen ihre Karrieren begannen. Die Werkzeugwand als Modell für die Welt. Hier hat alles seinen Platz, auch die ungestüme Leidenschaft ist gebannt:

„in jede Werkstatt , in jede Garage, in die ich rein gucke hängen mindestens zwei Pinup-Kalender“

Pinup-Girls finden sich auch im Festivalprogramm: In der Car-Wash-Performance des Theaterkollektivs „Henrike Iglesias“ werden die Pinup-Girls lebendig und bearbeiten unter Einsatz aller Körperteile ein Auto. Nur die hochgekurbelten Fensterscheiben beschützen die Zuschauer auf dem Rücksitz vor deren Zudringlichkeit.

Männer in Garagen – Ein bisschen erinnert ihre Welt an ein Museum. Wie lange wird es sie noch geben? Immer mehr Garagenhöfe müssen Neubauten weichen. Und auch die ehernen Deko-Regeln der Männergaragenwelt wanken mittlerweile: Von wegen weibliche Pin-Ups.

„Es gab Beschwerden von Männern, dass keine Männer hängen. Gut ich hab Männer und Frauen als Kunden muss für jeden was dabei sein.“

Also hat Jörg Kaufmann auch einen Männer Pinup-Kalender in seiner Werkstatt aufgehängt. Das fanden die Theaterleute und die Ethnologin übrigens so toll, dass die vielleicht demnächst auch privat in der Werkstatt vorbei schauen.

„Is mal ’n bisschen was anderes, und vielleicht bringt’s ein paar Kunden.“ «

 

Deutschlandradio Kultur, Sendung vom 24.09.2014